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Amok-Alarm in Dresden und Siegburg. 10.12.2022

Ein Schuss im Morgennebel.

Die Kugel traf die Mutter um 6:47 Uhr. Der Sohn drückte ab. Draußen lag der Dezembernebel über Prohlis, dick und undurchdringlich wie ein Verhängnis. Die Nachbarn hörten nichts. Sie hörten nur den normalen Morgenlärm. Das Klappern von Tellern. Das Rauschen einer Dusche. Das Öffnen einer Wohnungstür, die nie wieder richtig schließen sollte. Der Muttikiller verließ die Wohnung, als hätte er nur einen Kaffee getrunken. Er nahm den Schlüssel mit. Er nahm das Kind einer Bekannten mit. Er nahm die Waffe mit, die noch warm war vom ersten Schuss. Dresden erwachte an diesem Morgen zu einer Stadt, die es nicht wiedererkennen würde.

Ein toter Morgen in Prohlis.

Der Kakao auf dem Herd war längst zu einer schwarzen Kruste verbrannt, der Geruch von angebrannten Milch zog durch den Flur. Die Nachbarin im ersten Stock roch es zuerst. Verbrannter Kakao ist ein Geruch, der sich festsetzt. Er kriecht unter Türspalten durch, er bleibt in Vorhängen hängen, er klebt an der Kleidung. Aber an diesem Morgen roch sie noch etwas anderes. Etwas Metallisches. Etwas, das sie nicht einordnen konnte, weil der menschliche Verstand den Geruch von Blut am Morgen nicht sofort erkennt. Sie klopfte an die Tür der 62-jährigen Frau, die seit Jahren in der Zweiraumwohnung im Dachgeschoss lebte. Keine Antwort. Die Milch zischte weiter auf der Herdplatte. Der Rauch drang aus der Wohnung, aber es war nicht nur Rauch. Die Nachbarin rief die Polizei. Sie sagte: Ich glaube, bei Frau W. ist etwas passiert. Sie sagte nicht: Ich glaube, ihre Tür steht einen Spalt offen. Sie sagte nicht: Da liegt eine Hand auf dem Fliesenboden, eine Hand, die sich nicht mehr bewegt. Die Polizei kam um 7:12 Uhr. Die Beamten fanden die Tür verschlossen, aber nicht abgeschlossen. Sie fanden die Herdplatte, auf der die Milch längst verdampft war und der Kakao zu einer schwarzen Kruste verkohlt war. Sie fanden die Frau im Schlafzimmer, mit dem Gesicht zur Wand gedreht, als hätte sie sich im Sterben noch abgewandt. Ein Kopfschuss. Sauber. Präzise. Ein Schuss aus nächster Nähe. Der Sohn war nicht da. Nur der Rollator der Mutter stand noch im Flur. Ein stummer Zeuge.

Der erste Anruf.

Der Notruf kam um 7:45 Uhr. Eine Frau, aufgeregt, kaum verständlich. Sie sagte: Er ist hier. Er hat eine Waffe. Er hat das Kind. Die Polizei wusste sofort, wer gemeint war. Der Muttikiller. Der Sohn aus Prohlis. Der Mann, der seine eigene Mutter erschossen hatte, der jetzt durch Dresden zog wie eine tickende Bombe, deren Zünder man nicht mehr sehen konnte. David W. war vierzig Jahre alt. Er trug eine schwarze Jacke, eine blaue Jeans, Turnschuhe. Er sah aus wie jeder andere Mann in dieser Stadt. Aber er hatte eine Waffe in der Tasche. Und er hatte ein neunjähriges Kind an der Hand, das nicht wusste, warum es mit diesem Mann durch die Straßen lief, statt in der Schule zu sitzen. Die erste Sirene heulte um 7:50 Uhr. Die Stadt erwachte. Die ersten Pendler standen an den Haltestellen, die ersten Bäcker öffneten ihre Läden, die ersten Nachrichtenredaktionen schalteten ihre Computer ein. Niemand wusste, dass dieser Morgen in die Chronik Dresdens eingehen würde.

Die Radiostation.

Der Muttikiller hatte einen Plan. Ob der Plan von Anfang an existierte oder sich erst während der Fahrt durch die Straßen Dresdens formte, blieb unklar. Aber er fuhr Richtung Innenstadt. Er fuhr zum Ammonhof, einem Gebäude im Herzen der Stadt, das Büros, Geschäfte und die Räume von Radio Dresden beherbergte. Er wollte ins Radio. Er wollte seine Geschichte erzählen. Er wollte, dass die ganze Stadt hörte, was er getan hatte, und warum. Die Sicherheitstür stoppte ihn. Ein Mann kam aus dem Foyer. Sein Name ist nicht überliefert. Er war 46 Jahre alt und hatte an diesem Morgen nur einen Termin im Ammonhof. Der Muttikiller zog die Waffe. Er zwang den Mann, ihn zu den Radiostudios zu führen. Sie gingen durch den Flur, vorbei an den Büros, vorbei an den Kaffeemaschinen, vorbei an Menschen, die nicht begriffen, was hier gerade geschah. David W. schoss. Er schoss auf die Tür von Radio Dresden. Die Glasscheibe zersprang. Die Kugeln fraßen sich in den Türstock. Die Mitarbeiter hörten die Schüsse. Sie hörten den Lärm, den Glas macht, wenn es zerbricht. Sie hörten die Stimme eines Mannes, der etwas rief, etwas Unverständliches. Tino Utassy, der Chef von Radio Dresden, reagierte sofort. Er schrie: Raus. Alle raus. Die Mitarbeiter flüchteten durch den zweiten Ausgang, während die Kugeln weiter in die Tür schlugen. Sie ließen ihre Computer zurück. Ihre Kaffeetassen. Ihre Notizen. Alles, was ein normales Leben ausmacht. Der Muttikiller stand allein im Flur, vor einer Tür, die sich nicht öffnen ließ. Das Kind stand neben ihm. Der 46-jährige Mann lag am Boden, zitternd, aber lebendig. David W. ließ ihn liegen. Er nahm das Kind an der Hand. Er ging zurück zum Auto.

Die Altmarkt-Galerie.

Die Altmarkt-Galerie öffnete um 9:00 Uhr. Die ersten Kunden kamen durch die Glasdrehtüren, zogen ihre Handschuhe aus, atmeten die warme Luft des Einkaufszentrums ein. Es roch nach Kaffee, nach gebrannten Mandeln, nach dem süßen Duft der Weihnachtsbäckerei im Erdgeschoss. David W. betrat die Galerie mit dem Kind an der Hand. Er ging die Rolltreppe hinunter ins Untergeschoss. Die Lichter waren hell, die Regale ordentlich sortiert, die Verkäuferinnen lächelten, weil sie niemanden kannten. Er ging in den DM-Markt. Ein Laden für Drogerieartikel, für Shampoo, für Windeln, für das alltägliche Zeug, das Menschen brauchen. Dort stand eine 38-jährige Angestellte hinter der Kasse. Sie war dabei, die Münzen zu zählen, die aus der Registrierkasse kamen, als der Mann mit der Waffe auf sie zukam. Sie sah die Waffe zuerst. Ein schwarzer Gegenstand in einer Hand, die unnatürlich ruhig wirkte. Sie sah das Kind. Ein Mädchen mit großen Augen, das nicht weinte, das nichts sagte, das nur da stand und alles mit ansah. Der Muttikiller sagte: Sie kommen mit. Die Angestellte gehorchte. Sie wusste nicht, warum. Aber wenn ein Mann eine Waffe in der Hand hat, gehorcht man. Das ist keine Entscheidung. Das ist ein Reflex. Die drei verschwanden in einem Hinterzimmer. Ein kleines Büro mit einem Schreibtisch, einem Stuhl, einem Telefon. David W. hob den Hörer ab. Er wählte den Notruf. Er sagte: Ich bin hier. Ich habe Geiseln. Ich will reden. Und dann legte er auf.

Die Verhandlung.

Die Polizei wusste nicht, wo der Muttikiller war. Sie wussten nur, dass ein Mann mit einer Waffe und einem Kind in der Stadt war, und dass er bereits eine Frau getötet hatte. Sie wussten, dass er zu Radio Dresden gefahren war. Sie wussten, dass er Schüsse abgegeben hatte. Sie wussten nicht, dass er jetzt in einem Drogeriemarkt saß und mit der Polizei telefonieren wollte. Dann kam der Anruf. Ein Mann, ruhig, fast gelangweilt, sagte: Ich bin in der Altmarkt-Galerie. Ich habe zwei Geiseln. Kommen Sie mich holen. Die Polizei begann zu handeln. Die ersten Streifenwagen erreichten die Galerie um 9:30 Uhr. Die Beamten sperrten die Eingänge ab. Sie schickten die Kunden aus dem Gebäude, ruhig, ohne Panik, als wäre es eine Übung. Aber die Kunden sahen die Waffen. Sie sahen die Einsatzwesten. Sie wussten, dass es keine Übung war. Rund 300 Beamte rückten an. Die Polizei umstellte das Einkaufszentrum. Scharfschützen positionierten sich auf den Dächern gegenüber. Einsatzwagen blockierten die Straßen. Die Altmarkt-Galerie wurde zu einer Festung, in deren Innerem ein Mann mit einer Waffe auf den nächsten Schritt wartete. Im Büro des DM-Marktes saß David W. mit der Frau und dem Kind. Er telefonierte immer wieder mit den Beamten. Er sagte: Ich will Bedingungen. Ich will, dass ihr mich ernst nehmt. Er sagte nicht: Ich werde die Geiseln töten. Die Polizei hörte zu. Sie redeten mit ihm. Sie nannten ihn beim Namen. Sie versuchten, ihn zu beruhigen. Sie versuchten, ihn zur Aufgabe zu bewegen. Aber der Muttikiller hatte keine Eile.

Die Frau in der Uhlandstraße.

Während die Polizei die Altmarkt-Galerie umstellte, während die Medien eintrudelten und die Kameras auf das Gebäude richteten, geschah etwas anderes. Etwas, das zunächst niemand bemerkte. Eine 50-jährige Frau ging durch die Uhlandstraße. Es war ein normaler Spaziergang. Sie hatte ihre Einkäufe dabei, eine Tasche mit Gemüse und Brot, die sie nach Hause tragen wollte. Sie dachte an nichts Besonderes. Dann hielt ein Auto neben ihr. Der Fahrer sprang heraus. Er hatte eine Waffe in der Hand. Er sagte: Ihr Handy. Jetzt. Die Frau gab ihm ihr Handy. Sie gab es ihm, weil es das Einzige war, was sie tun konnte. Sie zitterte. Aber sie gab es ihm. Der Mann stieg wieder in sein Auto und fuhr davon. Die Frau rief die Polizei. Sie sagte: Ein Mann hat mich mit einer Waffe bedroht. Sie sagte: Er hat mein Handy genommen. Die Polizei erkannte das Auto. Es war das gleiche Auto, das der Muttikiller fuhr. Der gleiche Mann. Die gleiche Waffe. Zwei Straftaten an einem Morgen. Zwei Verbrechen, die sich in die Chronik dieser Stadt einbrennen würden. Aber niemand wusste damals, dass es noch schlimmer kommen würde.

Das Mädchen.

Das neunjährige Mädchen saß auf dem Boden des Büros. Es weinte nicht. Es hatte aufgehört zu weinen, als die Waffe das erste Mal zückte. Es hatte aufgehört zu weinen, als der Mann die Frau mit der blauen Uniform in den Raum zwang. Es hatte aufgehört zu weinen, weil es keine Tränen mehr hatte. Die Angestellte hielt das Mädchen im Arm. Sie flüsterte: Es wird alles gut. Sie sagte: Wir bleiben ruhig. Sie sagte: Die Polizei kommt gleich. Aber sie wusste nicht, ob die Polizei kam. Sie wusste nicht, ob der Mann die Waffe abfeuern würde. Sie wusste nicht, ob sie diesen Raum lebend verlassen würde. David W. telefonierte weiter. Er sagte: Ich will einen Hubschrauber. Ich will, dass die Stadt sieht, was ich tue. Er sagte: Wenn ihr nicht tut, was ich sage, passiert etwas Schlimmes. Die Polizei hörte zu. Sie machten ihm keine Versprechungen. Sie ließen ihn reden. Sie hielten ihn bei Laune. Sie warteten auf den richtigen Moment. Der Moment kam nicht. Die Minuten vergingen. Eine Stunde. Zwei Stunden. Der Muttikiller wurde unruhig. Er stand auf. Er setzte sich wieder. Er spielte mit der Waffe. Das Mädchen sah den Mann an, der seine Mutter getötet hatte. Es sah ihn an, ohne zu blinzeln.

Radio-Dresden-Chef Tino Utassy.

Tino Utassy stand vor den abgesperrten Radiostudios. Er trug einen Anzug, der nicht ganz perfekt saß. Seine Hände zitterten, aber seine Stimme war ruhig. Er sagte zu den Reportern: Meine Mitarbeiter sind alle in Sicherheit. Sie sind raus. Sie sind durch den zweiten Ausgang. Sie sind nicht verletzt. Er sagte nicht: Wir hörten die Schüsse. Wir rannten. Wir ließen alles zurück. Er sagte nicht: Ein Mann hat vor unserer Tür gestanden und wollte reinkommen. Er wollte in unserem Studio sein. Er wollte unsere Mikrofone benutzen. Er wollte seine Stimme über ganz Dresden legen. Tino Utassy wusste, was auf dem Spiel stand. Er wusste, dass dieser Mann nicht nur ein Geiselnehmer war. Er wusste, dass dieser Mann etwas sagen wollte. Etwas, das die Stadt hören sollte. Aber die Türen hielten. Die Scheibe zerbrach, aber die Türen hielten. Die Mitarbeiter von Radio Dresden saßen in einem nahegelegenen Café. Sie tranken Kaffee, der kalt geworden war. Sie schwiegen. Der Muttikiller war nicht in ihr Studio gekommen. Aber seine Schüsse waren in ihren Köpfen.

Die Stadt hält den Atem an.

Dresden war aufgestanden, als wäre es ein normaler Tag. Die Menschen gingen zur Arbeit. Die Kinder gingen zur Schule. Die Geschäfte öffneten ihre Türen. Dann kam die Nachricht. Eine Geiselnahme in der Altmarkt-Galerie. Ein Mann mit einer Waffe. Zwei Menschen gefangen. Die Stadt hielt den Atem an. Die Händler auf dem Striezelmarkt bekamen die Anweisung, ihre Buden nicht zu öffnen. Sie standen da, zwischen den Lichtern der Weihnachtsdekoration, die nicht angeschaltet waren. Der Duft von gebrannten Mandeln fehlte. Der Klang der Weihnachtsmusik fehlte. Die Lache der Kinder fehlte. Der Striezelmarkt war stumm. Die Passanten blieben stehen. Sie sahen die Polizeiabsperrungen. Sie sahen die Einsatzfahrzeuge. Sie sahen die Scharfschützen auf den Dächern. Sie fragten sich, was hier geschah. Sie fragten sich, wer der Mann war, der in diesem Gebäude saß. Die Nachrichtenredaktionen schickten ihre Reporter. Die Kameras waren auf das Einkaufszentrum gerichtet, aber sie zeigten nichts. Nur die Fassade. Nur die Glasscheiben, hinter denen nichts zu sehen war. Dresden schaute zu. Es schaute zu, wie es das einzige war, was es tun konnte.

Das SEK.

Die Einsatzkräfte des SEK trafen um 11:00 Uhr ein. Sie trugen schwarze Overalls, schwarze Helme, schwere Westen. Sie bewegten sich schnell, aber ohne Eile. Sie wussten, dass jeder Schritt zählte. Sie positionierten sich um die Altmarkt-Galerie. Sie kletterten über Dächer, sie krochen durch Gänge, sie bewegten sich wie Schatten. Die Verhandlungen mit dem Muttikiller gingen weiter. Er hatte aufgehört, Forderungen zu stellen. Er sprach nur noch mit leiser Stimme, fast flüsternd. Die Polizei wusste, dass etwas nicht stimmte. Der Mann war ruhig geworden. Zu ruhig. Die Entscheidung kam um 12:00 Uhr. Die Einsatzkräfte bereiteten den Zugriff vor. Sie wussten, dass sie eine Tür öffnen mussten. Eine Tür, die verschlossen war. Eine Tür, hinter der ein Mann mit einer Waffe saß. Sie hoben den Rammbock.

Die Tür zerspringt.

Die Tür zersprang. Sie zerbrach in tausend Splitter. Die SEK-Beamten stürmten in den Raum. Sie sahen die Frau, die sich über das Kind beugte. Sie sahen den Mann mit der Waffe, der aufstand, der den Arm hob, der zielen wollte. Sie sahen die Waffe. Sie sahen den Finger am Abzug. Sie schossen. Mehrere Kugeln trafen David W. Er fiel zu Boden. Die Waffe rutschte aus seiner Hand. Die Frau schrie. Das Kind schrie nicht. Es hatte keine Stimme mehr. Die Beamten sicherten die Waffe. Sie zogen den Verletzten in eine Ecke. Sie riefen nach dem Rettungsdienst. Aber es war zu spät. Der Muttikiller war tot.

Die Befreiung.

Die Geiseln wurden aus dem Raum geführt. Die Frau weinte. Das Kind weinte nicht. Es ging ruhig, mit großen Augen, die alles sahen und nichts verstanden. Die Einsatzkräfte begleiteten sie durch den Gang, vorbei an den Regalen mit Shampoo und Zahnpasta, vorbei an der Kasse, vorbei an den Kunden, die längst verschwunden waren. Draußen, vor der Altmarkt-Galerie, warteten die Rettungswagen. Die Sanitäter halfen den Geiseln. Sie untersuchten sie. Sie gaben ihnen Decken. Sie gaben ihnen Wasser. Die Frau sagte: Er hat nicht auf uns geschossen. Er hat nichts getan. Er hat nur geredet. Das Kind sagte nichts. Die Polizei vermeldete die Befreiung gegen 12:30 Uhr. Es gab keine Verletzten unter den Geiseln. Der Täter war tot. Dresden atmete auf.

Die Reaktion.

Sachsens Innenminister Armin Schuster trat vor die Kameras. Er trug einen dunklen Anzug, ein ernstes Gesicht. Er sagte: Ich danke den Einsatzkräften. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Die Geiseln sind unversehrt. Er sagte nicht: Ein Mann ist tot. Er sagte nicht: Eine Mutter liegt in ihrer Wohnung, erschossen von ihrem eigenen Sohn. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert sagte: Die Stadt ist erschüttert. Aber wir stehen zusammen. Der Striezelmarkt öffnete am frühen Nachmittag wieder. Die Lichter gingen an. Die Musik begann zu spielen. Die Händler verkauften Glühwein und gebrannte Mandeln. Die Kinder lachten. Aber die Stadt war nicht mehr dieselbe.

Der Muttikiller.

David W. lag im Krankenhaus der Stadt, tot. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Die Kugeln hatten seine Organe durchschlagen. Die Polizei durchsuchte seine Wohnung. Sie fanden nichts. Kein Abschiedsbrief. Kein Manifest. Keine Erklärung. Nur die Waffe. Nur die Kleidung. Nur die Erinnerung an eine Mutter, die in einer Zweiraumwohnung in Prohlis gelebt hatte, von den Nachbarn geliebt, von ihrem Sohn vergessen. Die Ermittlungen begannen. Die Staatsanwaltschaft prüfte den Polizeieinsatz. Sie prüfte den Tod des Muttikillers. Sie prüfte jede Kugel, jede Entscheidung, jeden Schritt. Im April 2023 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Der tödliche Schuss war gerechtfertigt. Der Muttikiller hatte keine Chance mehr gehabt. Aber die Fragen blieben. Warum hatte er seine Mutter getötet? Warum war er zu Radio Dresden gefahren? Warum hatte er Geiseln genommen? Die Antworten starben mit ihm.

Die Stadt danach.

Dresden kehrte zur Normalität zurück. Die Altmarkt-Galerie öffnete wieder. Die Kunden kamen zurück. Die Regale waren gefüllt, die Kassen klingelten, die Verkäuferinnen lächelten. Die Angestellte, die Geisel gewesen war, kehrte nicht an ihre Arbeit zurück. Sie machte Urlaub. Sie redete nicht über das, was passiert war. Das neunjährige Mädchen kam in eine Therapie. Es lernte, wieder zu sprechen. Es lernte, wieder zu lachen. Der Striezelmarkt schloss seine Pforten am Heiligabend, wie jedes Jahr. Die Lichter wurden abgeschaltet. Die Buden wurden abgebaut. Die Stadt lag im Dunkeln. In Prohlis, im Dachgeschoss der Finsterwalder Straße, stand die Wohnung der Mutter leer. Der Rollator stand noch im Flur. Die Nachbarn gingen vorbei, aber sie schauten nicht mehr hin. Der Muttikiller war in der Geschichte Dresdens verschwunden, aber nicht vergessen.

Die Wahrheit bleibt.

Die Polizei fand nie ein klares Motiv. Es gab keine Schulden. Es gab keinen Streit. Es gab keine verbotene Liebe oder eine verlassene Erbschaft. Es gab nur einen Mann, dessen Verstand sich aufgelöst hatte, und eine Mutter, die das nicht mehr hatte sehen müssen. Die Psychiater, die den Fall begutachteten, sprachen von einer psychischen Erkrankung. Sie nannten sie nicht beim Namen, weil sie den Namen nicht kannten. Sie sagten: Er hatte keine Kontrolle mehr. Er wusste nicht, was er tat. Sie sagten nicht: Er wusste es vielleicht doch. Die Stadt machte weiter. Die Menschen gingen zur Arbeit. Die Kinder gingen zur Schule. Die Geschäfte öffneten ihre Türen. Der 10. Dezember 2022 war in den Kalendern der Stadtgeschichte abgehakt, aber er war nicht vergessen. Der Muttikiller war tot. Aber seine Schatten lebten weiter.

Epilog.

Ein Jahr später, im Dezember 2023, stand die Sonne tief über den Dächern von Prohlis. Der Nebel war verschwunden. Die Straßen waren trocken. Die Menschen gingen ihren Geschäften nach. In der Finsterwalder Straße zog eine neue Familie in die Zweiraumwohnung im Dachgeschoss. Sie wusste nicht, was hier passiert war. Sie wusste nicht, dass eine Frau auf dem Boden gelegen hatte, den Kopf zur Wand gedreht. Sie wusste nicht, dass ein Mann mit einer Waffe diesen Raum verlassen hatte, um eine Stadt in Angst zu versetzen. Sie räumten die Wohnung aus. Sie warfen den alten Rollator weg. Sie strichen die Wände neu. Sie stellten Möbel auf. Sie machten aus einem Ort des Todes einen Ort des Lebens. Die Stadt hatte die Narben verheilt, aber die Erinnerung blieb. Die Polizei veröffentlichte ihre Abschlussberichte. Die Journalisten schrieben ihre Artikel. Die Historiker werden ihre Bücher schreiben. Und die Menschen in Dresden werden den 10. Dezember 2022 nie vergessen. Nicht weil sie den Muttikiller kannten. Sondern weil sie wussten, dass es jeden treffen konnte. Jeden Mann. Jede Mutter. Jedes Kind. Die Stadt schloss ihre Wunden. Aber die Narben blieben. Tief und unvergessen.


Mit einem nüchternen Gruß aus den kalten Straßen der Wirklichkeit,
Ihr Chronist der düsteren Trostlosigkeit und Schreiber der urbanen Apokalypse.

Quellenangaben:
Inspiriert von beklemmenden Momenten des Grauens und der rauen Realität die niemals schläft.
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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